Wolfram Alpha – eine revolutionäre Suchmaschine?

Mai 5, 2009

In einigen Wochen wird eine neue, vermutlich revolutionäre Suchmaschine mit dem Namen ‘Wolfram|Alpha’, an den Start gehen. Sie wurde unter Leitung des Mathematikers Dr. Stephen Wolfram,  Gründer des Unternehmens Wolfram Research mit seinem weltbekannten Softwareprodukt Mathematica, entwickelt.

Welche Erwartungen sich nach der ersten Vorstellung  am Berkman Center for Internet & Society der Harvard-Universität mit der neuen Suchmaschine verbinden, lassen sich an Schlagzeilen wie z.B. der eines Artikels des Independent ablesen: ‘An invention that could change the internet forever‘. Wolfram Alpha soll auf vollständige Fragen von Personen korrekte Antworten liefern können; die Suchmaschine verweist hierbei nicht mehr nur auf relevante Quellen, sondern beantwortet die Anfrage mit konkreten Ergebnissen. Wolfram Alpha greift nach silicon.de hierbei auf eine Datenbank mit wissenschaftlich überprüften Informationen zu, welche nicht nach Stichworten und Relevanz sondern basierend auf ‘Natural-Language-Algorithmen’ organisiert sind. Mit diesen Algorithmen sei die Auswertung und Zusammenstellung von Informationen gemäß unserer menschlichen Sprache möglich. Der Independent illustriert im selben Artikel das Innovationspotenzial und das Verhalten der Suchmaschine wie folgt:

The real innovation, however, is in its ability to work things out „on the fly“, according to its British inventor, Dr Stephen Wolfram. If you ask it to compare the height of Mount Everest to the length of the Golden Gate Bridge, it will tell you. Or ask what the weather was like in London on the day John F Kennedy was assassinated, it will cross-check and provide the answer. Ask it about D sharp major, it will play the scale. Type in „10 flips for four heads“ and it will guess that you need to know the probability of coin-tossing. If you want to know when the next solar eclipse over Chicago is, or the exact current location of the International Space Station, it can work it out.

Stephen Wolfram kündigt die Veröffentlichung von Wolfram|Alpha in seinem Blog wie folgt an:

Some might say that Mathematica and A New Kind of Science are ambitious projects. But in recent years I’ve been hard at work on a still more ambitious project—called Wolfram|Alpha. And I’m excited to say that in just two months it’s going to be going live. (…) It’s going to be a website: www.wolframalpha.com. With one simple input field that gives access to a huge system, with trillions of pieces of curated data and millions of lines of algorithms. (…) I think it’s going to be pretty exciting. A new paradigm for using computers and the web. That almost gets us to what people thought computers would be able to do 50 years ago!

Ich bin gespannt, wenngleich Google sich nicht so schnell die Butter vom Brot nehmen lassen wird… (vgl. Google fährt Wolfram Alpha in die Parade).


Forschungswerkstatt: Übertragbarkeit des Pattern-Ansatzes in die Didaktik?

Mai 1, 2009

Am 24. und 25.04.09 hatte ich die Möglichkeit, an der Forschungswerkstatt von Prof. Peter Baumgartner in Wien zur Frage der Übertragbarkeit des Pattern-Ansatzes von Christopher Alexander in die Didaktik (=> didaktische Entwurfsmuster) teilzunehmen. Prof. Baumgartner hat hierzu schon einen ausführlichen Bericht auf seinem Portal Gedankensplitter zur Verfügung gestellt.

Zunächst muss ich sagen, dass die euphorische Darstellung des Verlaufs der Forschungswerkstatt von Prof. Baumgartner durchaus nicht übertrieben ist – ich habe selbst wenige Veranstaltungen erlebt, in denen über einen längeren Zeitraum (mehrere Stunden) eine derart besondere, aktive, analytisch-kreative Atmposhäre herrschte, wie am zweiten Tag der Zusammenkunft – in der Tat ein ‘Flow’-Erlebnis, das wir als Gruppe erleben konnten. Eine der Voraussetzungen hierfür war – trotz deutlicher Kritk am Pattern-Ansatz von Christopher Alexander und seinen 15 properties of wh0leness aus pädagogischer, psychologischer, philosophischer und methodologischer Sicht – die durch Prof. Baumgartner motivierte Bereitschaft für den Versuch einer Übertragung der 15 properties in die Didaktik. Der Gedankenaustausch, der sich hier frei entfaltete, um Formulierungen und Verständnis ringend, beständig Theorie und pädagogische Praxis miteinander abgleichend, wurde von allen Teilnehmenden als fruchtbar und bereichernd erlebt.

Bei den 15 properties of wholeness handelt es sich um geometrische Struktureigenschaften, die sich nach Alexander in allen als lebendig und ganzheitlich erfahrbaren Strukturen (z.B. in vielen Pänomenen der Natur) wiederfinden. Diese 15 Eigenschaften sind zugleich als strukturerhaltende Transformationen zu verstehen, die zur Entfaltung der ganzheitlichen Strukturen führen. Die 15 properties of wholeness lauten:

  1. Levels of Scale
  2. Strong Centers
  3. Thick Boundaries
  4. Alternating Repetition
  5. Positive Space
  6. Good Shape
  7. Local Symmetries
  8. Deep Interlock and Ambiguity
  9. Contrast
  10. Gradients
  11. Roughness
  12. Echoes
  13. The Void
  14. Simplicity and Inner Calm
  15. Not Separateness

Erläuterungen mit Beispielen zu den 15 Struktureigenschaften finden sich beispielsweise unter http://www.livingneighborhoods.org/ht-0/fifteen.htm.

Grundlegend für unseren explorativen Übertragungsversuch war die (noch zu begründende) Annahme, dass die 15 Struktureigenschaften analog zur Architektur auch in der Didaktik zu lebendigen, ganzheitlichen bzw. kohärenten (didaktischen) Strukturen führen. Vor der Forschungswerkstatt dokumentierte Prof. Baumgartner in einem Weblogeintrag einen ersten Übertragungsversuch der ersten 6 Struktureigenschaften Alexanders. Am zweiten Tag der Forschungswerkstatt vertieften wir diesen Versuch und erkundeten mögliche Entsprechungen in der Didaktik in zeitlicher, räumlicher, sozialer und inhaltlicher bzw. materialbezogener Sicht.

Nachdem ich am ersten Tag nach verschiedenen Diskussionen akzeptiert hatte, dass Alexander scheinbar keine klaren Definitionen der 15 Struktureigenschaften bereithält (z.B. um Fragen zu klären wie z.B. was unter einem Zentrum eigentlich genau zu verstehen ist, oder wodurch sich ein starkes von einem schwachen Zentrum unterscheidet etc.), ließ ich mich einfach mal auf das weitere Vorgehen ein. Der Gedankenaustausch unseres Übertragungsversuchs war dann – wie oben beschrieben – sehr interessant und anregend. Am stärksten hatte mich persönlich das Strukturmerkmal ‘Positive Space’ angesprochen: Was könnte dieses Merkmal auf die Didaktik übertragen in zeitlicher, räumlicher, sozialer und inhaltlicher Hinsicht alles bedeuten? Zeitlicher Freiraum, der analog zu den Pausen in der Musik nicht einfach Leerraum, sondern gestalteter Raum ist? Unterschiedliche freie Lernräume und -umgebungen, die mehr dem informellen, explorativen, selbstorganisierten Lernen und Arbeiten oder der Erholung dienen (z.B. Erfahrungsräume für Erkundungen, Praktika, Projektarbeiten außerhalb der Schulhauses bzw. der Bildungsinstitution oder auch der Freizeitraum mit dem Kaffeeautomaten, die Bibliothek)? Sozialer Freiraum, der neben der dichten sozialen Interaktion bei Plenums-, Gruppen- oder Tandemarbeit auch Rückzugsmöglichkeiten für das individuelle Arbeiten, Lernen, Reflektieren, Entspannen ermöglicht; ebenso auch soziale Interaktionsmöglichkeiten im formellen Bildungsraum für eher persönliche Interessen (Freundschaften, Cliquen, Beratungslehrer, Tutoren)? Inhaltliche Darstellungen,  Materialien und Aufgaben, die denkerischen Freiraum, Kreativität, unterschiedliche Verarbeitungs- und Reflexionstiefe zulassen? Während dieses Prozesses hatten wir zunehmend den Eindruck, dass die anhand der Strukturprinizipien Alexanders zusammengetragenen Gestaltungsaspekte didaktischer Strukturen durchaus bedeutsam für deren besonderer Qualität sein könnten. Ob diese dann auch praktisch, d.h. für die am Lehr-Lernprozess beteiligten Personen, zu einer erlebbaren Quality Without A Name führt, ist allerdings fraglich (QWAN steht nach Alexander für eine intersubjektiv erfahrbare, ganzheitliche und nicht definierbare besondere Qualität lebendiger kohärenter Strukturen).

Ich muss zugeben, dass ich mich bisher nur peripher mit Christopher Alexander beschäftigt habe, wozu vor allem diese Forschungswerkstatt Anlass geboten hatte. Trotz Gedankenfeuerwerk und Flow-Erlebnis – sicherlich auch aufgrund meiner bisher geringen Kenntnisse des Werks Alexanders: Es sind noch viele Fragen offen.

Wie komme ich zu einem wissenschaftlichen Diskurs über Begriffe (15 properties of wholeness), die nicht exakt definiert werden können? In welcher Weise wurden die 15 Strukturmerkmale Alexanders gewonnen, in welcher Relation stehen diese zueinander, wie wird deren Vollständigkeit beansprucht oder nachgewiesen, warum sollten diese als geometrische Struktureigenschaften auf zeitliche, soziale und materialbezogene (didaktische) Strukturen und Prozesse übertragbar sein? Mit welcher Begründung? U.v.a.m. Und dennoch: Irgendwie hat man dennoch das Gefühl, dass bei der Beschäftigung mit dem Pattern-Ansatz und den Strukturmerkmalen Alexanders auch für die Didaktik interessante Ergebnisse gefördert werden könnten. Ist aber auch nur ein Gefühl… Ob das den anderen auch so geht? ;-)